Wieso Unrecht?

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Der Südtiroler Heimatbund provoziert zum Gedenken an den Waffenstillstand mit der Installation einer Skulptur. Aber ergibt Minus mal Minus in dem Fall wirklich Plus?

Wenn Anfang November 2018 die Völker Europas der Beendigung des Ersten Weltkrieges feierlich und würdevoll gedenken, dann sind diese Tage nicht für alle ein Grund zum Jubeln. „Österreichische“ Nationalisten, die sich unter der Tarnkappe von Südtiroler Heimatbund, Süd-Tiroler Freiheit etc. als Patrioten camouflieren, haben sich für Bozen am 04. November eine ganz spezielle Aktion einfallen lassen:
In Sichtweite des Bozener Siegesdenkmals, einem (nicht nur aus kunsthistorischer Sicht) wirklich grässlichen Architekturmonstrum aus den 1920ern, installiert man nun eine weitere Scheußlichkeit und versucht dadurch nun nicht nur charakterlich, sondern auch gestalterisch mit den Faschisten gleichzuziehen.

Siegesdenkmal Bozen

Siegesdenkmal Bozen

Dornenkrone Lang,Klotz

Dornenkrone mit Eva Klotz und Roland Lang am 04.11.2018

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Eine überdimensionale „Dornenkrone“ aus Metall soll nach Darstellung von Roland Lang, dem Obmann des Südtiroler Heimatbundes (SHB), mit seinen hundert Stacheln die Dauer der „Fremdherrschaft“ symbolisieren.

Es ist eine entlarvende Sprache, derer sich die Österreich zugehörig fühlenden Nationalisten mit italienischem Ausweis stetig befleißigen. Ihr heikles Vokabular insistiert Revanche und man liest und hört sehr oft Worte wie „Fremdherrschaft“, „Freiheitskampf“ oder auch „Unrecht“ im Zusammenhang mit dem Kriegsende.

Zum Kriegsbeginn hört man von Lang, seinen Gesinnungsgenossen und Förderern erstaunlicherweise wenig bis gar nichts. Dem Autor dieses Textes ist zumindest nicht bekannt, dass Roland Lang, Eva Klotz oder Elmar Thaler am 29. Juli 2014 nach Belgrad gefahren wären, um dort einen Kranz für die ersten Opfer der österreichischen Aggression durch den k.u.k.- Artilleriebeschuss auf die serbische Hauptstadt abzulegen. Hätten sie aber besser mal tun sollen, denn an diesem Tag ist die eigentliche Ursache für die Teilung Tirols zu finden.

Strategie der „österreichischen“ Nationalisten: Geschichtsverkürzung und Pflege des Opfermythos‘.
Dass in Wien und Berlin die Hauptverantwortlichen für den Beginn des Ersten Weltkrieges zu finden sind, blieb auch nach dem Erscheinen von Christopher Clarks viel diskutiertem Werk „Die Schlafwandler“ im Jahr 2014 für seriöse Historiker unstrittig. Für Südtiroler Geschichtsreduzierer beginnt der Krieg aber sowieso meist erst am 23. Mai 1915, als nämlich Italien bei diesem Flächenbrand nun leider auch noch ordentlich mitmischt, nachdem es sich zuvor in diplomatischen Hinter- und Vorderzimmern die größtmöglichen Geländegewinne hat zusichern lassen.

So etwas nennt man Eigendynamik eines Krieges,
denn da war der Krieg nun halt schon einmal längst im Gange und Italien hätte im Jahr 1914 niemals Österreich-Ungarn angegriffen, was aber meistens auch einfach gerne verschwiegen wird. Es bedurfte schon des österreichischen Angriffskrieges im Juli 1914 auf seine Nachbarn auf dem Balkan und, nicht zu vergessen, die fahrlässige deutsche Rückendeckung mit dem aberwitzigen Blankoscheck, um Italien knapp ein Jahr später überhaupt in die Lage zu versetzen, in den Krieg einzutreten.

Tirol wäre heute noch (aller Wahrscheinlichkeit nach) eine geeinte Region,
wenn unsere deutschen und österreichischen Vorväter seinerzeit nicht – besoffen von Nationalismus und völkischer Arroganz – ohne Not ihre Nachbarn überfallen hätten. Deutschland und Österreich waren 1914 Täter und keine Opfer!

Das wird von den rot-weiß-roten Superpatrioten, die 2018 am Bozener Siegesplatz nun mit einer „Dornenkorne“ um Aufmerksamkeit heischen, entweder verdrängt oder (je nach Grad der nationalistischen Radikalität) negiert. Für sie zählt ausschließlich das Ereignis der Annexion im November 1918. Was jedoch ursächlich zu dieser Eingliederung geführt hat, wird meist komplett unter den Teppich gekehrt und jegliche Wallung beschränkt sich auf den italienischen Faschismus der Nachkriegsjahre.

Um nicht missverstanden zu werden: Was Mussolini später dann in Südtirol an Leid und Schrecken über die Bevölkerung gebracht hat, war furchtbar, entsetzlich und muss aufs Schärfste verurteilt werden!

Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass es Mussolini, Hitler, die Deutsche und die Tiroler Teilung und vieles, vieles an Elend mehr überhaupt nicht gegeben hätte, wenn sich die beiden deutschen und österreichischen Kaiser Wilhelm II. & Franz Joseph I., deren beide Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg & Berchtold und die vielen, vielen Militärführer u. a. Moltke (d. Jüngere) & Franz Conrad von Hötzendorf im Juli 1914 verantwortlich und pazifistisch verhalten hätten und NICHT auf den Kriegsknopf gedrückt hätten, denn die Macht dazu hätten sie gehabt.

Sie haben sich aber alle leider nicht pazifistisch verhalten, weil sie sich (oft schon Jahre zuvor) für den Krieg entschieden hatten. Sie haben zielstrebig darauf hingearbeitet, nur auf den richtigen Moment gewartet, um endlich losschlagen zu können bzw. haben alle viel zu wenig dafür getan, um den Krieg zu verhindern (je nach individueller historischer Einordnung und Interpretation der geschichtlichen Fakten) und das Ergebnis müssen wir heute leider immer noch alle ausbaden. Auch in Südtirol.

Wann gibt’s denn hier nun endlich wirklichen Frieden?

Der Verfasser dieser Zeilen ist pazifistisch eingestellter, gläubiger evangelischer Christ und als Protestant demzufolge nur peripher mit den katholischen Sitten, Bräuchen und Vorgaben vertraut. Dass aber sowohl der von Patrioten permanent strapazierte „Stolz“ eine der sieben Todsünden ist, wie auch der Missbrauch eines so zentralen christlichen Symbols wie Jesus‘ Dornenkrone eine erhebliche Verletzung religiöser Gefühle darstellt, sollte doch eigentlich allen bewusst sein, selbst Agnostikern.

Deshalb darf – ja muss – die Frage gestellt werden, inwieweit die Initiatoren der „Dornenkronen“-Aktion sich nicht nur politisch, sondern auch geistlich völlig außerhalb des akzeptablen Rahmens bewegen? Ja, ob sie nicht sogar als Feinde des Friedens, der Demokratie, der Kirche und auch als Feinde des bürgerlichen Gemeinwesens angesehen werden müssen? Denn diese Provokation geht weit über das erträgliche Maß hinaus und hätte auch mit Satire nichts zu tun, sollte irgendjemand sie jemals dazu verklären wollen. (Und Roland Lang ist ja eigentlich eher dafür bekannt, zum Lachen nicht zwingend das Erdgeschoss zu benutzen und wird sicherlich auch nicht als Chefhumorist in die Südtiroler Annalen eingehen; aber das nur nebenbei.)

Eine Volksabstimmung über die Frage der Selbstbestimmung ist längst überfällig. Als Ausländer, der in einem RICHTIG geteilten Land aufgewachsen ist, durchzuckt es einen regelrecht, wenn man die Sprache und die Aktionen derjenigen Südtiroler analysiert, die vorgeben, volkstümlich zu sein und sich angeblich lediglich für die Heimat und ihre Wiedervereinigung einzusetzen.

Wenn man im Rückblick versucht zu würdigen, was zum Fall der Berliner Mauer entscheidend beigetragen hat, dann war das vor allem die Besonnenheit der demonstrierenden DDR-Bevölkerung („Keine Gewalt!“), die von einer intellektuellen und pazifistischen Elite der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung der DDR (z. B. „Neues Forum“) ermutigt, gestützt und getragen wurde.

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Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“ (Aufnahme vom Sep. 1989)

Diesen feinsinnigen, intellektuellen Geist muss man den Aktionen von SHB & Co. leider komplett absprechen, denn sie zielen nur auf Krawall, Hetze und das Schüren antiitalienischer Ressentiments.

Dabei ist es eigentlich überfällig, dass dem Wunsch dieser Kreise nach Selbstbestimmung endlich Rechnung getragen wird. Man sollte abschließend – besser schon am nächsten Dienstag als erst am Donnerstag – eine Volksabstimmung aller in Südtirol und Nordtirol lebender Wahlberechtigten abhalten, um über die Zukunft Tirols abstimmen zu lassen. (Wobei es äußerst wahrscheinlich ist, dass sich die Mehrzahl der Wähler für die Beibehaltung des derzeitigen Status quo mit Ausbau der Autonomie aussprechen würde.)

Aber dann wäre wenigstens final Ruhe in der Provinz und die Berufsstänkerer, egal ob rot-weiß-rot oder grün-weiß-rot könnten sich endlich den wahren Problemen dieser Welt zuwenden, anstatt unendlich sinnlos Energie mit nationalistischen Belanglosigkeiten zu verschwenden.

Ein erster Anfang wäre es, einmal anzuerkennen, dass die derzeitige Zugehörigkeit Südtirols zu Italien kein Unrecht darstellt, sondern schlicht ein Kriegsergebnis ist! Ein Kriegsergebnis eines Krieges, den man dazu noch selber vom Zaun gebrochen hat. Das wäre wirklich mal ein Anfang.

Es wird aber vermutlich noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte brauchen, bis man die Gelassenheit erreichen und die Weisheit erlangen wird, um mit der Geschichte klug umzugehen. Die Installation einer „Dornenkrone“ ist das Gegenteil von Weisheit und absolut nicht dazu geeignet, Frieden zu stiften. Aber das war sicherlich auch nicht die Absicht der Initiatoren.

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NACHTRAG vom 05.11.2018:

RAI Morgengespräch vom Montag, den 05. November 2018 um 07:15 Uhr zum Thema „Dornenkrone“ mit Hannes Obermair und Eva Klotz; Moderation Peter Treibenreif.

RAI-Südtirol Morgengespräch (05.11.2018): „Dornenkrone“ (H. Obermair und E. Klotz), von RAI Südtirol

Redaktionstext der Seite von RaiNews.it:

„In der Debatte um das Ende des Ersten Weltkrieges prallen die Ansichten aufeinander:
Im Morgengespräch auf Rai Südtirol bewertete der Historiker Hannes Obermair die Dornenkrone des Heimatbundes als „Amoklauf des Geschichtsrevisionismus“.
Mit dem Herumtragen der Dornenkrone werde versucht, eine alte Opferthese zu zementieren.

Die frühere Landtagsabgeordnete Eva Klotz dagegen sprach von einer Geschichtsleugnung und einer 100-jährigen Demütigung. „Das ist für mich jeden Tag ein Stachel“, sagte sie und betonte, dass es die Welschtiroler gewesen seien, die Dornenkrone angefertigt und „nicht von ungefähr“ vor dem Siegesdenkmal in Bozen niedergelegt hätten.“

Link zur Sendung: https://www.rainews.it/tgr/tagesschau/articoli/2018/11/tag-Dornenkrone-Geschichte-Erster-Weltkrieg-acc3c3f4-0dc5-4679-b82b-9142015b7d96.html

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